Boylove“ oder der Mythos vom „guten Pädo“

Es ist heute noch so und es war auch zu meiner Jugend, in jenen frühen Tagen des Internets, kaum anders: Wenn man als Kind oder Teenager beginnt, das Netz für sich zu entdecken, immer auf der Suche danach, die so alterstypische Neugierde zu befriedigen, und wenn man dabei den Fehler macht, sein wahres Alter preiszugeben – dann dauert es nicht lang, bis man mehr oder weniger eindeutige Angebote von Pädophilen bekommt, sogenannten Boylovern (bzw. Girllovern).

Manche dieser Männer schmeichelten mir mit großer Empathie, aufrichtigem Interesse, intelligenten Komplimenten – andere waren plump, ordinär, machten mir Angst, widerten mich an, versuchten mich zu täuschen, zu benutzen. Dass auch beides beinahe gleichzeitig geschehen konnte, das lernte ich leider erst, als es zu spät war…

Zunächst aber führte ich mich auf wie eine Lolita und genoss unverhohlen die Aufmerksamkeit dieser Männer, die sich ganz ihren als „Knabenliebe“ getarnten Trieben hingaben. Auch dann, als mir diese Aufmerksamkeit erstmals bewusst außerhalb der virtuellen Welt zuteil kam: In Gestalt von Peters scheuen, aber eindeutig bewundernden Blicken – dem Beginn unserer zunächst noch so harmlosen Beziehung.

Peter machte keinen Hehl daraus, dass er auf mich, dass er auf Jungs stand. Aber er war doch ganz anders als die Pädosexuellen im Internet. Nicht ich war ihm, sondern er mir ins Netz gegangen. Er war gar nicht auf der Jagd gewesen, als wir uns kennen lernten. Ich hatte ihn mir geangelt, lief – angezogen nur von seinen verräterischen Blicken – immer wieder scheinbar zufällig an seinem Haus vorbei, sprach ihn irgendwann sogar an, buhlte schon bald um seine Gunst und Nähe.

Und dennoch war am Ende er es, der mich verführte (manche würden sagen: vergewaltigte), und nicht umgekehrt. Ich war die Versuchung, der er nicht widerstehen konnte. Seine Absichten mögen die besten gewesen sein. Seine Taten waren es nicht.

Heute glaube ich, ein „guter“ Pädophiler ist nur derjenige, der versucht, keiner zu sein, obwohl genau das in Zeiten ständig neuer Enthüllungen von Missbrauchs-Skandalen und Kinderporno-Ringen unmöglich scheint. Und dennoch: Wir sollten Menschen niemals für das verurteilen, was sie fühlen, wünschen oder denken. Sondern nur für das, was sie tun.

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