Coming Out – oder lieber doch nicht? Eine schwule Kindheit

Seit meinem sechsten Lebensjahr weiß ich, dass ich schwul bin. Auch wenn ich damals noch nicht einmal das Wort, geschweige denn seine Bedeutung kannte, verknallte ich mich in Mitschüler, Lehrer, Boygroup-Sänger, Fußballer… Schnell lernte ich, dass meine Gefühle nicht der Norm entsprachen. Ich behielt sie daher lieber für mich, aber ich störte mich nicht an ihnen, im Gegenteil, ich genoss es, ein Geheimnis zu haben, das mich, so glaubte ich, von allen Menschen auf der Welt unterschied, einzigartig machte.

Schwulsein war für mich im Grundschulalter so ein bisschen wie Zauberkräfte oder Gedanken lesen: Ich konnte etwas, das kein anderer Junge konnte, nämlich mich in Jungs und Männer verlieben. Und welche Magie ist größer als die der Liebe?

Dann kam die Pubertät. Und fast gleichzeitig zog das Internet in unser Reihenhaus und damit in mein Leben ein. Mit zwölf verstand ich langsam, dass ich doch nicht so einzigartig war, wie ich immer gedacht hatte. Dass es da draußen zwar eine Menge Jungs und Männer gab, die meine Vorlieben teilten, ja sogar auslebten. Aber auch, dass ein großer Teil der Menschheit und fast mein gesamtes Umfeld Homosexualität für abartig, unnatürlich und pervers hielt.

Auf einschlägigen, für mein Alter natürlich streng verbotenen Gay-Seiten lernte ich alles über Anilingus und Curising – doch mit dem Begriff Coming Out konnte ich nicht viel anfangen. „Du bist nicht allein“, versprachen eher altersgerechte Online-Ratgeber freimütig und versuchten, Jungs wie mir die Vorteile eines Outings nahe zu bringen. Aber das erschien mir gelogen. Schwuchtel war auf dem Schulhof das schlimmste Schimpfwort, mein Vater riss gerne mal Schwulenwitze und meine durch und durch prüde Mutter echauffierte sich sogar über die heterosexuellen Abenteuer meiner beinahe volljährigen Schwester.

Unmöglich konnte ich auf Verständnis hoffen. Und, fast noch schlimmer: Ich war mir sicher, dass ich selbst unter denen, die meine Neigung teilten, niemals einen Freund finden würde, mit dem ich mein erstes Mal haben könnte. Wer wollte schon mit einem unreifen, verklemmten und sich selbst verleugnendem Jungen wie ich es war zusammen sein?

Doch dann, kurz vor meinem 14. Geburtstag, traf ich Peter. Meine Unschuld war verloren. Outing war keine Option mehr. Ab diesem Moment ging es nur noch darum, ein Geheimnis zu bewahren. Über fünfzehn Jahre habe ich das nun getan. Jetzt breche ich mein Schweigen. Ich lebe heute offen schwul, doch wenn man so will, ist erst dieses Buch mein wahres Comingout.

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